* 2. August 1970
von Elfriede Reissig
Essay
Komposition – ImprovisationElisabeth Harniks kompositorisches Schaffen umfasst Werke für Soloinstrumente bzw. Solo-Stimme und kammermusikalische Besetzungen bis hin zum großen Orchesterwerk sowie Kompositionen für das Musiktheater. Als Pianistin und Sängerin erlangte sie sowohl als Interpretin eigener Werke wie auch als Improvisationskünstlerin internationale Anerkennung. Dabei lotet sie die Grenzen des traditionellen Instrumentenklangs mit Hilfe ideenreicher Präparationen und elektronischer Klangveränderung vielfältig aus. Komposition und Improvisation sind durch die individuellen Herangehensweisen der Künstlerin in der Praxis zunächst deutlich getrennt: »Als Komponistin, die ihre Musik notiert, habe ich alle Zeit, um eine Komposition fertigzustellen, und als Pianistin bzw. improvisierende Musikerin schaffe ich den Klang im Moment. Diese unterschiedlichen Voraussetzungen beeinflussen dann die Wahl meiner Mittel im Schaffensprozess« (zit.n. Reissig 2015, 33).
Trotz dieser äußerlichen Trennung ihrer künstlerischen Tätigkeitsbereiche geht es Harnik um die Relativierung der Bewertungssysteme im musikalischen Kanon der Gegenwart. Die Musikwissenschaftlerin Christa Brüstle führt aus, dass »wesentliche Merkmale von Improvisation wie etwa Einfall, Inspiration, Intuition […] im Bereich der Komposition neuer Musik unter- oder nachgeordnet« werden (Brüstle 2016, 246). Sabine Feißt zufolge wurde die Improvisation »im 20. Jahrhundert zu einem künstlerischen Gegenmodell zur komponierten neuen Musik, vor allem gegen die darin dominierenden ...